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| Bedingungsloses Grundeinkommen
- geniale Idee oder Utopie? Stellen Sie sich mal vor: für ihr Einkommen wäre gesorgt - was würden Sie dann tun? Klingt utopisch, aber in der Wissenschaft und in politischen Hinterzimmern wird genau darüber nachgedacht. Über das bedingungslose Grundeinkommen. Ein Unternehmer bekennt sich offen zu dieser Idee. Inforadio sprach mit dem Chef der Drogeriemarktkette dm, Götz Werner. Inforadio: 1500 Euro für jeden, jeden Monat, egal ob er oder sie zu Hause auf dem Sofa sitzt und nichts tut, oder ob derjenige hart arbeitet. Wie kommt ein Unternehmer dazu, ein solches Modell zu unterstützen? Werner: Einfach aus der Wahrnehmung und der Erkenntnis wie unsere Verhältnisse heute sind und dass wir mit den Rahmenbedingungen, die wir haben, eigentlich die Realität nicht meistern können. Wir sind in der Situation, dass wir mit der Gestaltung unserer Sozialität mit dem Latein etwas am Ende sind, und dass wir Methoden brauchen, um die heutigen Probleme und die der Zukunft meistern zu können. Diese Methode wäre die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens in Verbindung mit der Ausgabenbesteuerung. Inforadio: Nun haben wir alle gelernt - und wahrscheinlich ist es auch ein Prozess der vergangenen 500 Jahre - dass man eigentlich sagt, Leistung muss belohnt werden. Und dann gibt es noch den Fall von Menschen, die unverschuldet in Not kommen, die haben ein Recht auf staatliche Fürsorge. Sie verlangen hier etwas ganz anderes. Warum muss man davon wegkommen? Werner: Leistung wird immer belohnt und wird auch immer belohnt werden. Nur ist die Frage, wie wir es fertig bringen, dass wir jeden Bürger in unserer Gesellschaft eine Teilhabe gewähren, damit er teilnehmen kann. Und genau das ist die Aufgabe des bedingungslosen Grundeinkommens, bei dem die heute bestehenden Transfersysteme zusammengelegt werden. Dann kann jeder frei von grundlegenden Existenzsorgen als freier Bürger tätig werden und die Arbeit erledigen, die ihm zugleich sinnvoll erscheint. Inforadio: Ist Ihre Idee auch eine gute Idee für Unternehmen? Werner: Unbedingt, weil wenn wir Verhältnisse schaffen, wo wir besser miteinander füreinander leisten können in sozialer Sicherheit, in Würde und nach eigener Wahl, umso besser können wir die gesellschaftliche Wertschöpfung vorantreiben. Inforadio: Werden Sie auch motivierte Mitarbeiter bekommen, wenn die Menschen gar nicht mehr unbedingt darauf angewiesen sind zu arbeiten, weil Geld bekommen die ja so oder so? Werner: Sie haben immer dann motivierte Mitarbeiter, wenn sie interessante Arbeitsplätze schaffen. Arbeitsplätze schaffen, wo jeder sich einbringen kann, aus seiner eigenen Intention, aus seinen Fähigkeiten heraus. Dann wird man motivierte Mitarbeiter haben. Gerade als Unternehmer muss man ja schauen, dass die Mitarbeiter in jeder Hinsicht motiviert sind, dass sie sozusagen den Sinn ihrer Arbeit sehen, dass sie auf Sinnsuche sind in ihrer Arbeit. Und den Sinn können Sie immer nur an Mitmenschen entdecken. Inforadio: Wie lässt sich verhindern, dass dieses bedingungslose Grundeinkommen durch ausufernde Steuererhöhungen finanziert werden muss? Das ist ganz klar eine Sorge, dass es einfach zu teuer wird. Werner: Nein, das bedingungslose Grundeinkommen ist ja schon bezahlt, die ganzen Geldströme fließen ja schon. Es ist nur eine Frage, wie wir das neu denken und neu zuordnen. Wir sind in einer Situation, dass wir noch nie so viel Güter und Dienstleistungen produzieren konnten wie heute. Wir leben ja im Überfluss, aber wir rechnen uns arm, das ist das Problem. Inforadio: Ich denke jetzt mal an den Einheitssteuersatz, wie Paul Kirchhoff ihn verfochten hat, auch eine interessante Idee. Oder die Gesundheitsprämie - neue Dinge, die vielleicht nicht ganz so leicht zu vermitteln sind. Haben Sie nicht Angst, dass Ihre Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen im Meinungsbildungsprozess zerrieben wird, dass am Ende nichts davon bleibt? Werner: Ja, das ist immer die Frage, inwieweit eine Gesellschaft in der Lage ist, Neues zu denken und zu bewerten. Wenn die Gesellschaft es kann, dann kann sie sich auch Neuem zuwenden, wenn sie das nicht kann, wird sie beim Alten bleiben. Die Frage ist, ob die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens eine Idee ist, die epidemisch wird. Wenn sie epidemisch wird, wenn sie von möglichst vielen Bürgern gedacht werden kann, dann wird sie auch realisierbar. Wenn sie nicht gedacht werden kann, dann wird sie nicht realisierbar sein. Inforadio: Wir müssen unser Denken ändern. Was hat denn bei Ihnen persönlich das Umdenken ausgelöst? Werner: Ich habe vor 33 Jahren bei Null angefangen, und ich habe erlebt, was es heißt, in den heutigen Rahmenbedingungen tätig zu werden füreinander. Wirtschaft ist ja das füreinander tätig werden. Und was da für Behinderungen da sind. Und dass die Behinderungen daher kommen, dass wir mit alten Systemen die heutige Situation meistern wollen. Aber wir können nicht das Neue angehen, wenn wir mit alten Methoden, die ja die Probleme hervorgebracht haben, das Neue verwirklichen wollen. Da müssen wir umdenken. Da muss ein gesellschaftlicher Diskurs stattfinden, den in erster Linie die Medien zu bewältigen haben, zumindest anzuregen haben. Inforadio: Sie sagen, dieses Grundeinkommen könnte so etwas wie ein Befreiungsschlag sein? Werner: Ja, durch das Grundeinkommen würden viele gemeinwirtschaftliche und kulturelle Arbeitsaufgaben plötzlich finanzierbar werden, viele Initiativen würden entstehen, viele Menschen würden den Sinn in ihrer Arbeit wieder entdecken. Niemandem ist ja verwehrt, über das bedingungslose Grundeinkommen hinaus tätig zu werden und weiteres Einkommen zu erzielen. Nur der Zwang würde wegfallen. Was wir gesellschaftlich anstreben müssen, ist die Wendung vom Müssen und Sollen zum Wollen. Und stellen Sie sich einmal vor, die Menschen würden alle das machen, wo sie selbst einen Sinn drin erkennen, dann hätten wir ein ganz anderes soziales Klima. Inforadio-Interview, 02.11.2006 |
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