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| Siemens ohne Heimat In trauter Runde pflegt der Vorstandsvorsitzende von Siemens deutlich zu werden: Nein, sagt Klaus Kleinfeld dann, er empfinde keine Heimatliebe für Deutschland. Verantwortung verspüre er dagegen vor allem gegenüber den Aktionären seines Konzerns. Solche Aussagen mögen zwar in Zeiten des Rendite- und Börsenkurs-getriebenen globalen Turbo-Kapitalismus Usus unter Managern transnationaler Konzerne sein. Für den Traditionsbetrieb Siemens aber, seit 159 Jahren ein Vorzeigeunternehmen des Made in Germany, stellen sie eine Revolution dar. Schließlich ist Siemens vor allem dank der fürsorglichen Auftragserteilung deutscher Behörden zu dem geworden, was er jetzt ist: ein weltweit führender Technologiekonzern. Kleinfeld jedoch lässt sich davon nicht beirren. Seit seinem Amtsantritt im Januar 2005 lässt er seinen markigen Worten beständig Taten folgen. Jetzt hat es sogar die Keimzelle des Münchner Technik-Giganten erwischt. Siemens bringt sein kriselndes Kerngeschäft mit Telekommunikationsnetzen in eine Gemeinschaftsfirma mit Konkurrent Nokia ein. Zuvor hat Kleinfeld schon die Handy-Sparte mit einer Mitgift von 350 Millionen Euro an den taiwanesischen Konzern Benq "verkauft". Und demnächst wird wohl auch das Geschäft mit Schnurlos-Telefonen und Firmen-Telefonanlagen den Besitzer wechseln - ein Ausbeinen von Unternehmensteilen, die 2005 mit gut 20 Milliarden Euro ein Viertel des gesamten Umsatzes des Konzerns erwirtschafteten. Das Ende des Kleinfeldschen Streichkonzerts ist damit dennoch kaum in Sicht: Auch die IT-Dienstleistungstochter SBS mit gut fünf Milliarden Euro Umsatz steht auf der Verkaufsliste. Dem Siemens-Chef gilt der Kommunikationsbereich einfach als zu teuer. Seine einzelnen Sektoren erreichen die Renditeziele nicht, die der ehrgeizige Konzernlenker vorgegeben hat. Oder, noch schlimmer, schreiben wie SBS sogar tiefrote Zahlen. Kleinfeld will in Krisenbereichen gebundenes Kapital verflüssigen und an anderer Stelle investieren - da, wo die Gewinne kräftiger sprudeln werden: Im Wassergeschäft etwa. Oder in der High-Tech-Medizin, die dank der Alterung der Bevölkerung glänzende Perspektiven verspricht. Oder in Einheiten für Großprojekte, die etwa für Sportgroßveranstaltungen Stadien, Sicherheitseinrichtungen und Schnellbahnen aus einer Hand liefern. So etwas freut die Aktionäre. Zu leiden haben allerdings darunter die Mitarbeiter in den Krisensparten. Sie verdienen weniger oder verlieren gar ihren Job. Vor allem in Deutschland, in jener Heimat, für die ihr 48-jähriger Chef nichts empfindet. Tausende Stellen sind bereits in der Kommunikationssparte unter Kleinfelds Ägide gestrichen worden, weitere tausende werden wegen der Fusion des Netzwerkgeschäfts mit Nokia verloren gehen. Schon heute beschäftigt Siemens nur noch ein Drittel seiner 472 000 Mitarbeiter weltweit zwischen Flensburg und München. Nun mag man den Jobabbau am Siemens-Standort Deutschland beklagen. Eine Alternative wäre aber selbst für einen heimatverbundenen Firmenlenker wie den Kleinfeld-Vorgänger und jetzigen Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer schwer zu finden gewesen. Die Lage im Siemens-Krisenbereich ist einfach zu verfahren. Und die Konkurrenz ist hart. Die Telefonkonzerne, die Mobilfunksender und Kabelanlagen ordern, haben zu viel für ihre UMTS-Netze ausgegeben; zudem verdienen sie weniger wegen fallender Gesprächspreise. Billiganbieter von Kommunikationsgerät aus China ergattern immer mehr Aufträge. Das einzige, was da zählt, ist schiere Größe. Diese Größe hat jetzt Siemens dank Nokia. Einerseits. Andererseits hätte Siemens diese Größe noch kürzlich aus eigener Kraft erreichen können. Statt dessen erkannte von Pierer die Zeichen der Zeit nicht, kontrollierte seine Untergebenen zu lax. Und Kleinfeld ließ die Belegschaft vor lauter Restrukturierungen und Manager-Wechseln kaum zur eigentlichen Arbeit kommen. Ein von Pierer an der Konzernspitze hätte angesichts solchen Management-Versagens womöglich die Krisen-Sparten weiter durch geschleppt. So, wie er es einst mit der Medizintechnik und dem Lampenhersteller Osram tat, die heute Ertragsperlen des Konzerns sind. Für Kleinfeld aber zählt allein der zeitnahe Profit. Die deutschen Siemens-Beschäftigten dürfen von ihrem Chef nichts erwarten, solange sie nicht seinen Renditezielen genügen. Umgekehrt darf die Siemens-Führung aber dann auch nichts mehr von der deutschen Gesellschaft erwarten.Schließlich wird sie ihrer Verantwortung für hiesige Arbeitsplätze nicht gerecht. Thomas H. Wendel, 21.06.2006 |
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