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Deutsche scheuen das Risiko
Zahl der Aktionäre geht stark zurück / Furcht vor Verlusten und Diskussion um Besteuerung von Kursgewinnen verunsichern Anleger
von Stephan Kaufmann

Die Zahl der Aktionäre in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2006 um fast 900 000 gesunken. Das war ein Rückgang um mehr als acht Prozent, gab das Deutsche Aktieninstitut (DAI) gestern bekannt. Der Leiter des DAI, Rüdiger von Rosen, nannte den Rückgang "einen Schlag für die Aktienakzeptanz in Deutschland". Rosen vermutet, dass neben Gewinnmitnahmen angesichts zeitweise hoher Kurse die Diskussion über die künftige Kapitalertragsbesteuerung für den Rückgang im ersten Halbjahr verantwortlich ist.

Rückgang seit dem Kursrekord
Im Jahr 2000 erreichten die deutschen Aktienmärkte ihr Kurshoch. Damals besaßen 9,7 Prozent aller Deutschen - 6,2 Millionen - direkt Aktien. Seitdem ist ihre Zahl um fast ein Drittel gesunken. Die Zahl der Fondsbesitzer ist gegenüber ihrem Höchststand im Jahr 2001 um ein Viertel auf 7,4 Millionen zurückgegangen, so das DAI. Die Trennung von Aktien und Fondsanteilen hat sich im ersten Halbjahr 2006 noch einmal beschleunigt. Ein stärkeres Minus war laut DAI nur im Gesamtjahr 2002 verzeichnet worden. Damals sank die Zahl der Aktien- und Fondsbesitzer um 10,2 Prozent. In jenem Jahr hatte der deutsche Aktienmarkt allerdings rund 40 Prozent an Wert verloren.

Laut DAI hängen die jüngsten Aktienverkäufe weniger mit fallenden Kursen zusammen als vielmehr mit der Sicherung von Gewinnen. Anfang Mai erreichte der Deutsche Aktienindex (Dax) mit 6 163 Punkten ein Fünf-Jahres-Hoch. "Die hohen Kurse in der ersten Jahreshälfte veranlassten Anleger zu Gewinnmitnahmen", sagte Franz-Josef Leven vom DAI. Zudem habe der anschließende Rückgang des Dax um zeitweise bis zu 14 Prozent die Anleger zum Verkauf bewegt.

Dazu kommt laut DAI-Chef Rosen die anhaltende Steuerdiskussion. "Die Halbierung des Sparerfreibetrages zum 1. Januar 2007 und die Diskussion um die Einführung einer Abgeltungssteuer verunsichern die Anleger", sagte Rosen. Insbesondere die diskutierte Besteuerung von Kursgewinnen mit Sätzen von 30 oder 25 Prozent sei abschreckend. Die Abgeltungssteuer sei grundsätzlich begrüßenswert, weil sie zur Steuervereinfachung führe, aber diese Wirkung trete nur bei wesentlich niedrigeren Steuersätzen ein, erklärte der Leiter des DAI.

Ein weiterer Grund für die sinkende Aktienquote ist nach Einschätzung von Experten das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis der Anleger. Denn angesichts von Rentenlücke und Arbeitslosigkeit geht es beim Sparen verstärkt um die Sicherung des Lebensstandards. "Hauptursache für die hohe Sparquote der letzten Jahre ist die Verunsicherung der Bürger durch die unbefriedigende wirtschaftliche Situation", so Michael Stappel von der DZ Bank. In der Folge bevorzugen Anleger festverzinsliche Investments ohne große Verlustrisiken. Der Aktien-Anteil am Gesamtvermögen der Deutschen ist daher laut Bundesbank auf 11,6 Prozent und damit auf das Niveau von 1995 gesunken.

Berliner Zeitung, 10.08.2006
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