MEHR VERKEHRSSICHERHEIT
FÜR KINDER UND SENIOREN
Protokoll der Versammlung
am Donnerstag, den 23.11.2006
im Kolle 37, Kollwitzstrasse 35
in Berlin-Prenzlauer Berg
Mit:
Herr Kirchner (Grüne), Stadtrat für Ordnungsamt und Tiefbau
Frau Arnold, Amt für Verkehrsprävention, Schwerpunkt Verkehrswege
Herr Pillkahn und Herr Dietrich, Verkehrsexperten des Polizeiabschnitts
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Herr Liesegang, Direktor der Grundschule am Kollwitzplatz
Vertreter der Verkehrs-AG der Grundschule am Kollwitzplatz
Vertreter der Betroffenenvertretung Kollwitzplatz
Vertreter der Betroffenenvertretung Helmholtzplatz
Unabhängige Wählergemeinschaft Pankow / UWP (Veranstalter)
Ablauf:
1: Darstellung der Situation und Geltung der Straßenverkehrsordnung
Zum Auftakt der Veranstaltung wurde eine Dia-Show präsentiert, die
die aktuelle Situation des ruhenden Verkehrs im südlichen Prenzlauer
Berg darstellte. (Die Foto CD können Sie bei der UWP bestellen.)
Begleitend wurden einige Daten der Berliner Verkehrsstatistik in Erinnerung
gerufen:
Verkehrstote: etwa 100 Tote/Jahr (50% Fußgänger, 20% Fahrradfahrer,
20% Motorradfahrer, 10% andere)
KfZ-Anzahl in der Stadt ca 1 Million, womit die Motorisierungsquote (<300
KfZ/1000 Einwohner) deutlich unter der anderer deutscher Großstädte
mit bis zu 500 KfZ/1000 Einwohner liegt.
Die Vertreter des Polizeiabschnitts zeigten sich deutlich beeindruckt
von der Präsentation der geballten nihilistischen Nutzung des öffentlichen
Raumes zu Parkzwecken.
Sie wiesen jedoch darauf hin, dass aufgrund ihrer personellen Ausstattung
und immenser bürokratischer Verpflichtungen innerhalb der Reviere,
das Ziel, mehr Präsenz auf der Straße zu zeigen, leider nicht
zu erfüllen sei.
Der Vertreter der politischen Verantwortungsebene für die öffentliche
Ordnung, der im letzten Monat neu gewählte Stadtrat Kirchner, wies
auf die begrenzten Möglichkeiten seiner Behörde hin, in der
32 Mitarbeiter für Fragen der Verkehrskontrolle und –sicherheit
zuständig seien. (bei einer Einwohnerzahl von etwa 320.000 in Pankow).
Entsprechend dieser Lage konnte die Frage eines Vertreters der Verkehrs-AG,
ob die Straßenverkehrsordnung in Pankow partiell und temporär
außer Kraft gesetzt ist, von Seiten der verantwortlichen Hüter
der Ordnung nur mit einem "im Prinzip NEIN, aber …" beantwortet
werden.
Herr Kirchner wies in diesem Zusammenhang auf die Problematik der Anzahl
der parkwilligen Autofahrer und der begrenzten Anzahl der Parkmöglichkeiten
hin.
Herr Liesegang von der Kollwitzschule brachte einen weiteren Aspekt ins
Spiel, und zwar die seiner Meinung nach verheerende Vorbildwirkung der
rücksichtlosen Park- und Verkehrsgewohnheiten vieler Autofahrer,
die den Kindern an seiner Schule klar mache, dass letztlich das Recht
des Stärkeren triumphiert.
2: Ansatzpunkte zur Verbesserung der Situation
Die Betroffenen Eltern und Anwohner befragten die Vertreter der Polizei
und des Bezirks nach Perspektiven und Planungen, (da sich mit der neuen
Ämterverteilung im Bezirksamt vielleicht auch andere Schwerpunktsetzungen
ergeben könnten).
Relativ einig waren sich Polizei und die Vertreter des Bezirks, dass eine
verstärkte Ordnungskräftepräsenz keinen Erfolg verspreche.
Betroffene und Anwohner widersprachen dieser Ansicht und wiesen auf die
momentan quasi völlig fehlende Präsenz dieser Ordnungskomponente
hin.
Herr Kirchner konnte versprechen, dass dieses Jahr noch an vielen Kreuzungen
im Bezirk eine deutlich stärkere bauliche Tätigkeit begonnen
werden soll, um die Kreuzungen gegen das Eckenparken zu verpoldern. Mittels
Gehwegvorstreckungen soll auch das Kreuzen von Straßen für
Fußgänger ermöglicht und sicherer werden. Diese Baumaßnahmen
werden von der S.T.E.R.N. GmbH geplant, geleitet und durchgeführt.
Die Frage, ob Zebrastreifen nicht eine kostengünstige und effektive
Alternative gegenüber massiven und teuren Baumaßnahmen darstellen,
wurde leider mehrfach ignoriert. (Die Bevölkerung konnte sich über
die geplanten verkehrsinfrastrukturellen Maßnahmen auf der berühmt-berüchtigten
Veranstaltung der Betroffenenvertretungen im Februar 2006 informieren
und selbst einbringen. Leider waren damals die 40.000 Einladungswurfsendungen
für die Bürger zu dieser Veranstaltung spurlos verschwunden
– wir berichteten über diese Problematik im Protokoll der von
der S.T.E.R.N. GmbH organisierten Veranstaltung "Bürgermitbestimmung"
im Bezirkswahlkampf 2006.)
Herr Liesegang appellierte an die Vernunft der Eltern, ihre Kinder nur
im Ausnahmefall mit dem Automobil zur Schule zu bringen. Falls dies sein
müsse, solle wenigstens das Ein- und Aussteigen nicht direkt vor
der Schule abgewickelt werden.
3: Verkehrspolitische Lösungsansätze
Die Betroffenenvertretung Kollwitzplatz berichtete, dass der Leiter des
Tiefbauamtes, Herr Lexen, der Parkraumbewirtschaftung eine Absage erteilt
habe, da sie finanziell keinen Vorteil für den Bezirk habe.
Die Betroffenenvertretung Helmholtzplatz widersprach hier und verwies
auf neue Studien und wies darauf hin, dass der finanzielle Ansatz nicht
der Hauptgrund für die Einführung einer Parkraumbewirtschaftung
darstelle.
Ein Vertreter der Verkehrs-AG der Grundschule am Kollwitzplatz führte
Leipzig als Beispiel einer konsequenten Parkraumbewirtschaftung an. Dort
würden in der Innenstadt Parkgebühren von bis zu 5 Euro pro
Stunde fällig, während die Preise in den dortigen Parkhäusern
deutlich niedriger gehalten würden.
Ein Vertreter der UWP wies darauf hin, dass die BVG-Fahrpreise für
Autobesitzer ein stark abschreckendes Preisniveau haben und der Autoverkehr
auch deshalb so vergleichsweise billig sei, weil viele Externe Kosten,
die aus dem Individualverkehr erwachsen, der Allgemeinheit aufgebürdet
werden (vgl. Studie des Umweltbundesamtes, http://www.umweltbundesamt.de/verkehr/downloads/extkosten.pdf).
Herr Kirchner schien insgesamt keine große Begeisterung für
das Thema Parkraumbewirtschaftung zu empfinden. (Seine Partei ist, wie
auf der Veranstaltung erwähnt wurde, mit dem Konzept einer deutlichen
Verteuerung des innerstädtischen Individualverkehrs zur Abgeordnetenhauswahl
2006 angetreten. Begründet wird dieser Ansatz gerade auch mit den
hohen gesellschaftlichen Kosten des Individualverkehrs.)
Teilnehmer der Runde bemerkten schließlich, dass in vielen europäischen
Ländern und Hauptstädten mittlerweile nicht nur das Parken,
sondern auch das Befahren des innerstädtischen Verkehrsraums bemautet
wird (London, Rom, Stockholm et al.).
4: Folgerungen
Die Anwesenden waren sich mehrheitlich einig, den begonnenen Dialog fortzusetzen
und den Worten auf jeden Fall Taten folgen zu lassen.
Es zeigte sich auch, dass die theoretische Auseinandersetzung mit an den
Verkehr gekoppelten Fragen wie Kosten, Sicherheit, wirtschaftliche Konzepte
und wirtschaftliche Folgen in Pankow noch sehr in den Kinderschuhen steckt
und oft auf Vorurteilen und Altem Denken beruht.
Die anstehenden Kosten (eingeplant sind 17 Mio Euro) für Gehwegvorstreckungen
und Verpolderungen des öffentlichen Nicht-Parkraumes werden wie selbstverständlich
von der Allgemeinheit über Steuern finanziert, während die Verursacher
(ordnungswidrig parkende Autofahrer) weiterhin mit weitestgehendem Verständnis
wegen der fehlenden Parkmöglichkeiten rechnen dürfen?
Verursacherprinzip invers??? |
Wer zu Fuß unterwegs ist, kennt das
Problem: Straßenecken und eindeutig markierte Straßenüberquerungen
sind meist zugeparkt. Für Kinder und Jugendliche, die morgens zur Kita
oder zur Schule müssen, stellt das rigorose Verhalten vieler Autofahrer
eine permanente Gefahr dar, besonders in den Wintermonaten, wenn es am Morgen
und in den frühen Abendstunden dunkel ist. Auch erwachsene Fußgänger,
vor allem ältere, sind von der Problemlage nicht ausgenommen.
In Pankow, so scheint es, ist die Straßenverkehrsordnung teilweise
aufgehoben. Die Verhältnisse sind lange bekannt. Initiativen von Eltern
und engagierten Mitbürgern gehen ins Leere, Polizei und Ordnungsamt
sind überfordert oder desinteressiert. Politiker, die nach jedem Unfall
Krokodilstränen weinen, bleiben untätig oder blocken Initiativen
ab.
Muss das so sein? Warum wird von den Verantwortlichen nichts unternommen?
Warum gibt es keine Zebrastreifen vor Kitas und Schulen? Was können
Eltern tun, um die Wege ihrer Kinder sicherer zu gestalten? Wie sollen sich
Fußgänger in schwierigen Lagen verhalten? Kann im Bezirk eine
vernünftige Verkehrspolitik gestaltet werden, wenn dies schon auf Landesebene
nicht möglich ist?
Die UWP lädt ein zur öffentlichen Diskussion. Polizei, Ordnungsamt
und Politiker äußern sich zum Thema Verkehrssicherheit in Pankow. |